Der Kanon Die deutsche Literatur






Ödön von Horváth

Der Ungar Horváth war ein verspielter und verschlampter deutscher Dichter, ein Schlawiner mit Phantasie, dessen Persönlichkeit dem preußischen Klischeebild vom typischen Österreicher entsprach. Alle seine Stücke entstanden sehr schnell, gleichwohl schrieb er einige Meisterwerke, so unter anderem die Geschichten aus dem Wiener Wald sowie Kasimir und Karoline. Sie verdienen ihre Gattungsbezeichnung »Volksstück« vollauf, da sie mit volkstümlichen Kunstmitteln die Fragwürdigkeit des Volkstümlichen augenscheinlich machen und mit der Sprache des Volkes das Volk dekuvrieren. Mit der Sensibilität des Außenseiters entdeckte und fixierte er die vor allem für die Kleinbürger der zwanziger Jahre charakteristische Mischung aus mundartlich geprägtem Alltagsdeutsch und einem mit prätentiösen Wendungen gespickten Bildungsjargon.

MRR




Geschichten aus dem Wiener Wald (Band 8, Seite 9), Erstdruck: Berlin 1931. Uraufführung: Berlin 2. November 1931.
Kasimir und Karoline (Band 8, Seite 103), erste Buchausgabe: Reinbek 1961 [zuvor erschienen als Bühnenmanuskript: Berlin 1932]. Uraufführung: Leipzig 18. November 1932.


1901
9. Dezember: Ödön (eig. Edmund Josef) Horváth wird als Sohn des Diplomaten Dr. Edmund von Horváth und seiner Frau Marie Hermine, geb. Prehnal, im ungarischen Sušak, einem Vorort von Fiume (heute das kroatische Rijeka) geboren.

1902
Übersiedlung der Familie nach Belgrad.

1908
Übersiedlung der Familie nach Budapest.

1909
Der Vater wird in den Adelsstand erhoben und im Herbst nach München versetzt. Horváth bleibt in Budapest, wo er das erzbischöfliche Internat besucht.

1913
Horváth zieht zu den Eltern nach München. Besuch des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums, dann des Realgymnasiums.

1916
Übersiedlung der Familie nach Preßburg.

1918
Übersiedlung der Familie nach Budapest.

1919
Der Vater wird zurück nach München versetzt. Horváth kommt in die Obhut seines Onkels Josef Prehnal in Wien, wo er das Privatgymnasium der Salvatorianer besucht und das Abitur erhält.
Herbst: Immatrikulation an der Münchner Universität und Besuch von psychologischen, literatur-, theater- und kunstwissenschaftlichen Seminaren (bis Wintersemester 1921/22).

1920
Erste Gedichte entstehen.

1924
Nach längerer Parisreise Übersiedlung nach Berlin, wobei das Landhaus der Eltern in Murnau weiterhin Hauptwohnsitz bleibt. Im Satireblatt ›Simplicissimus‹ erscheinen die Sportmärchen.

1928
Die »Historie« Sladek oder Die schwarze Armee entsteht, die Horváth später u. d. T. Sladek, der schwarze Reichswehrmann umarbeitet.

1929
13. Oktober: Uraufführung von Sladek, der schwarze Reichswehrmann in Berlin.

1930
Der Roman Der ewige Spießer erscheint. Arbeit an den Volksstücken Geschichten aus dem Wiener Wald und Italienische Nacht.

1931
20. März: Uraufführung von Italienische Nacht in Berlin.
Herbst: Verleihung des Kleist-Preises (zusammen mit Erik Reger).
2. November:
Uraufführung von Geschichten aus dem Wiener Wald in Berlin.

1932
18. November: Uraufführung des Volksstücks Kasimir und Karoline in Leipzig.

1933
Nachdem ein SA-Trupp das Haus der Eltern in Murnau durchsucht hat, verläßt Horváth Deutschland und geht vorerst nach Österreich. Um die ungarische Staatsbürgerschaft zu behalten, reist er nach Budapest.
Dezember: Heirat mit der Sängerin Maria Elsner in Wien.

1934
Rückkehr nach Berlin, wo er Anschluß an die Filmindustrie findet; er entwickelt Stoffe, schreibt Filmdialoge und Exposés und arbeitet gleichzeitig an Theaterstücken.
September: Scheidung der Ehe.

1935
Schlechte finanzielle Lage, da Horváths Stücke in Deutschland nicht mehr gespielt werden dürfen.

1936
Horváth lebt zumeist in Wien und in Henndorf bei Salzburg. Entzug der Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland. Fertigstellung des Schauspiels Der jüngste Tag.
13. November: Uraufführung des Schauspiels Glaube Liebe Hoffnung (u. d. T. Liebe, Pflicht und Hoffnung) in Wien.

1937
2. April: Uraufführung der Komödie Figaro läßt sich scheiden in Prag. Horváth beginnt, sich von fast allen seinen Bühnenstücken zu distanzieren. Der Roman Jugend ohne Gott erscheint in Amsterdam. Arbeit an dem Roman Ein Kind unserer Zeit, der im folgenden Jahr in Amsterdam erscheint.

1938
Starke Depressionen, Unzufriedenheit mit seinen Arbeiten und finanzielle Probleme. Nach dem »Anschluß« Österreichs reist Horváth zunächst nach Budapest, dann nach Fiume und besucht weitere Städte. Zu einer Besprechung mit Robert Siodmak, der eine Verfilmung von Jugend ohne Gott plant, reist Horváth nach Paris.
1. Juni: Horváth wird gegenüber dem Théâtre Marigny in Paris von einem herabstürzenden Ast erschlagen.
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