Carl Sternheim
Der Dramatiker und Novellist Sternheim, dessen Hauptwerke in der Zeit des Ersten Weltkriegs entstanden sind, war Satiriker, Karikaturist und Humorist in einem, hat aber jede dieser Bezeichnungen gern bestritten. Er wollte als »Arzt am Leibe seiner Zeit« verstanden werden. Sein Hauptthema ist die radikale, die vernichtende Kritik des von ihm verachteten Bürgertums, dessen falsches, ja verheerendes Bewußtsein sich in der Sprache spiegele, eigentlich im Idiom, das aus Klischees und Phrasen besteht. Der von den Nazis verjagte Autor erlebte in der Bundesrepublik eine erstaunliche Renaissance, vor allem wohl deshalb, weil man manche Züge seiner Gesellschaftskritik keineswegs für überholt hielt.
MRR
Der Snob (Band 7, Seite 141), Erstdruck: Leipzig 1914. Uraufführung: Berlin 2. Februar 1914.
1878
1. April: Carl Sternheim wird als erstes von sieben Kindern des jüdischen Bankiers und Mitarbeiters des ›Hannoverschen Tageblatts‹ Jakob – genannt Carl – Sternheim und der protestantischen Maria Francke in Leipzig geboren. Die Eltern heiraten erst ein Jahr später, und gemeinsam mit ihren Kindern zieht die Mutter zu ihrem Mann nach Hannover.
1884
Die Familie siedelt nach Berlin über.
1885-1888
Besuch der Volksschule.
1888-1894
Besuch des Friedrich-Werderschen Gymnasiums. Erste Dramen und Gedichte entstehen.
1894
Besuch des Königlichen Luisen-Gymnasiums, wo er am 10. September 1897 das Abitur erhält.
1897
September: Protestantische Taufe.
Oktober: Immatrikulation an der Münchner Universität, wo Sternheim bis zum Sommersemester 1898 u. a. Philosophie und Literaturgeschichte studiert.
1898-1899
Studium an der juristischen und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Als erste Veröffentlichung erscheint 1898 der Einakter Der Heiland.
1899-1900
Studium der Literaturgeschichte an der Universität Leipzig. Zahlreiche Kurzprosatexte entstehen.
1900
November: Heirat mit Eugenie Hauth. Übersiedlung nach Weimar.
1901
Sommersemester: Jurastudium an der Universität Jena.
Juli: Geburt des Sohns Carl Hans.
1902
März: Übersiedlung der Familie nach Berlin.
Sommersemester: Studium der Psychologie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Berlin.
1903
August: Übersiedlung der Familie nach München.
1904
Gemeinsam vereinbarte vorübergehende Trennung von seiner Frau. Liebesverhältnis mit der ebenfalls verheirateten Thea Löwenstein.
1905
Januar: Geburt der Tochter Dorothea (Mutter Thea Löwenstein).
Oktober: Erste Italienreise. Wohnung in Freiburg i. Br.
1906
Januar: Zweite Italienreise.
Februar: Verhaftung und Einweisung in eine Nervenklinik, angeblich wegen eines Sexualdelikts.
Mai: Entlassung aus der Klinik.
Juli: Scheidung der Ehe.
Dezember: Thea trennt sich von ihrem Mann und zieht mit Sternheim nach München.
1907
Juli: Heirat mit Thea, geb. Bauer, die inzwischen mit ihren Brüdern mehr als 6 Millionen Mark geerbt hat. Bekanntschaft mit Franz Blei, aus der sich eine enge Freundschaft entwickelt.
1908
Januar: Geburt des Sohnes Klaus. Bekanntschaft u. a. mit Rudolf Alexander Schröder, Julius Meier-Graefe, Heinrich Mann, Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal und Paul Cassirer.
Herbst: Reise nach Skandinavien, England und Frankreich, wohin Sternheim bis 1914 noch häufig reist.
1909
Februar: Erste Begegnung mit Max Reinhardt.
1911
15. Februar: Uraufführung der Komödie Die Hose (u. d. T. Der Riese) in Berlin.
24. November: Uraufführung der Komödie Die Kassette in Berlin.
1912
Sommer: Übersiedlung nach Belgien.
1913
5. März: Uraufführung der Komödie Bürger Schippel in Berlin (unter der Regie von Max Reinhardt).
Juli-Oktober: Arbeit an der Komödie Der Snob. Erste Begegnung mit Ernst Stadler und Beginn einer Freundschaft.
1914
2. Februar: Uraufführung von Der Snob in Berlin (unter der Regie von Max Reinhardt).
August: Sternheim stellt sich bei Kriegsbeginn den Militärbehörden, wird aber als untauglich zurückgestellt.
Wohnung zunächst in Bad Harzburg. Nervenzusammenbruch.
1915
Übersiedlung nach Königstein/Taunus, dort zeitweilig im Sanatorium. Das Schauspiel 1913 erscheint.
6. Dezember: Uraufführung der Komödie Der Kandidat in Wien.
Dezember: Verleihung des Fontane-Preises, dessen Preissumme er Franz Kafka übergibt.
1916
April: Rückkehr nach Belgien.
1917
Bekanntschaft und Beginn einer Freundschaft mit Gottfried Benn.
9. September: Uraufführung der Komödie Der Stänker (u. d. T. Perleberg) in Frankfurt/Main.
1918
Oktober: Mit den Kindern vorübergehender Wohnsitz in Holland, wohin ihm Thea im Januar des folgenden Jahres folgt. Eine Sammlung von Erzählungen erscheint in zwei Bänden u. d. T. Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn.
1919
25. Januar: Uraufführung des Schauspiels Tabula rasa in Berlin.
März: Übersiedlung in die Schweiz, erst nach Thun, dann nach St. Moritz.
1920
Februar: Übersiedlung nach Uttwil am Bodensee.
Mai: Nervenzusammenbruch.
1922
Juni: Übersiedlung in den ›Waldhof‹ bei Radebeul.
9. Oktober: Uraufführung des Lustspiels Der Nebbich in Darmstadt.
1923
Oktober: Erste Regiearbeit Sternheims mit einer Inszenierung von Die Hose in Dresden.
1924
Oktober: Rückkehr nach Uttwil.
1925
Erste Begegnung mit Pamela Wedekind.
1927
Dezember: Scheidung von Thea.
1928
17. September: Uraufführung von Maske, einer Bearbeitung Sternheims von Die Hose und Der Snob für einen Abend, in Berlin.
Dezember: Psycho-physische Krise und Einlieferung in ein Schweizer Sanatorium, wo ein schweres Gehirnleiden diagnostiziert wird.
1929
Juni: Verlegung in ein Berliner Sanatorium. Sternheims Bruder Julius wird zum Vormund bestellt.
Dezember: Wesentliche Besserung des Gesundheitszustands.
1930
März-April: Frankreich- und Belgienreise mit Pamela Wedekind.
April: Heirat mit Pamela Wedekind. Gemeinsame Übersiedlung nach Brüssel.
1933
Das NS-Regime verbietet Sternheims Bücher und Aufführungen seiner Stücke, so daß Einnahmen völlig ausbleiben.
1934
Nach der Trennung von Pamela Wedekind Übersiedlung nach London, wo er bis Februar 1935 versucht, englische Verlage und Bühnen für seine Stücke zu interessieren.
Oktober: Scheidung der Ehe mit Pamela Wedekind.
1935
Februar: Rückkehr nach Brüssel, wo er Henriette Carbonara kennenlernt, mit der er künftig zusammenlebt.
1940
Mai: Brüssel wird an die deutsche Wehrmacht übergeben. Sternheim und Henriette Carbonara werden von Freunden geschützt.
1942
3. November: Nach einer Lungenentzündung stirbt Sternheim in Brüssel.
