Der Kanon Die deutsche Literatur






Marcel Reich-Ranicki
Über den Essay und das Feuilleton

Das Werk ist vollbracht: Dies ist der fünfte, der letzte Teil des Kanons der deutschen Literatur. Wir haben eine unvergleichbare Kanonbibliothek - und das soll heißen: Wir verfügen nun über eine Bibliothek, wie es sie, wenn ich mich nicht ganz irre, noch nie gegeben hat. Auf Romane und Erzählungen, Dramen und Gedichte folgen nun die Essays. Insgesamt sind es also 50 Bände mit etwa 25.000 Seiten.
Es schickt sich wohl, daß der Herausgeber dieses Kanons jetzt sagt, was denn der fünfte Teil zu bieten hat. Wieso? Der Titel ist doch unmißverständlich: Essays. Stimmt er etwa nicht? Ja und nein. Im Mittelpunkt und im Vordergrund der fünf Bände stehen tatsächlich die Essays.
Aber es finden sich hier auch Reden und Abhandlungen, Feuilletons und Kritiken, Aufsätze und Artikel. Kurz: nichtfiktionale Prosa von hoher literarischer Bedeutung. So hätten wir diesen Teil nennen können. Aber das wäre, man wird es zugeben, ein abscheulicher Titel. Dann verfielen wir auf den Titel "Essayistisches". Der kommt der Sache schon näher, doch schön klingt auch der nicht. Also blieb es beim Arbeitstitel "Essays".
Ein Essay - was ist das eigentlich? Zunächst einmal: Auch wenn jeder Essay ein Aufsatz ist, so ist nicht jeder Aufsatz ein Essay. Darauf hinzuweisen ist dringend nötig, denn dieser schöne Begriff wird oft und gern mißbraucht. Viele Autoren, deren Artikel keinerlei künstlerischen Anspruch erheben können, bezeichnen sie gern als "Essays", um so ihre Arbeit zu nobilitieren.
Verglichen mit der Rede und mit der Abhandlung, die sich bereits in der Antike zur höchsten Blüte entfalteten, ist der Essay eine verhältnismäßig junge Form: Sie stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert, Montaigne hat sich als erster dieses Begriffs bedient. In Deutschland wurde er erst im achtzehnten Jahrhundert heimisch: Winckelmann, Kant, Lessing, Wieland und Herder schrieben Aufsätze, die man als Essay bezeichnen könnte oder die ihm zumindest nahekamen. Und es gibt bis heute nur selten Prosaautoren, in deren Werk der Essay ganz fehlt.
Anders als der Essay hat die Rede stets einen konkreten Anlaß und ist immer öffentlich: So sprechen wir von Lobreden und Gedenkreden, von Wahl- und Gerichtsreden, von Parlaments- und akademischen Reden, von Predigten und Festansprachen. Die Redner wollen belehren und etwas beweisen, überzeugen und appellieren. Der Essay verzichtet auf eine solche Wirkung keineswegs, doch möchte er vor allem den Leser anregen und unterhalten.
Während die Abhandlung vom subjektiven Ansatz nichts wissen will, ihn unbedingt vermeiden oder zumindest verbergen möchte, vielmehr die wissenschaftliche Darlegung eines Sachverhalts oder Problems in der Regel in pädagogischer Absicht anstrebt und Präzision und Objektivität für unerläßlich hält, hat es der Essay auf eine systematische, gründliche oder gar erschöpfende Analyse des gewählten Themas nicht abgesehen. Die Voraussetzung des Essays ist die Unbefangenheit. Montaigne bekannte - es war 1680: "Das Glück des Staunens gibt mir das beste Argument." Bis heute haben sich die Essayisten, so nüchtern sie auch sein mögen, die Fähigkeit bewahrt zu staunen. Sie begegnen der Welt mit unverbesserlicher Neugier, mit leisem Trotz und mit einer alles relativierenden Skepsis.
Der Essay ist - wie Friedrich Schlegel schrieb - "ein beständiges Experimentieren". Er kritisiert, wenn nicht immer, so doch oft, wenn nicht offen, so doch getarnt die etablierten Anschauungen, die gängigen Urteile und Vorstellungen. Und während die Abhandlung auf den ästhetischen Anspruch keinen sonderlichen Wert legt, ist dem Essay an einer künstlerischen Form gelegen, an einem persönlichen und womöglich temperamentvollen Stil, an einprägsamen Formulierungen. Goethe kam mehrfach auf das Gelegenheitsgedicht zu sprechen, das er, wie es in Dichtung und Wahrheit heißt, für die "erste und echteste aller Dichtarten" hielt. In diesem Sinne kann man wohl den Essay eine Gelegenheitsäußerung nennen.
Wie sich der Essay von der Abhandlung herleitet, so das Feuilleton vom Essay. Ja, es liegt nahe, im Feuilleton den jüngeren, etwas aus der Art geschlagenen, zwar sympathischen, doch leichtsinnigen Bruder des Essays zu sehen. In der Tat haben sie viel miteinander gemein: das Persönliche und das betont Individuelle, die Beschränkung auf ein eng umgrenztes Thema und den fröhlichen Verzicht auf das Gründliche.
Auch das Feuilleton experimentiert gern - mit Gedanken, mit Einfällen und Mutmaßungen. Beide, der Essay und das Feuilleton, haben es häufig nicht auf unumstrittene Lösungen abgesehen, hingegen bieten sie vor allem Vorschläge, die noch zu erörtern sind. Nicht der Umfang unterscheidet diese Formen voneinander, vielmehr das Temperament des Autors und seine Eigenart, der Anspruch, den sie erheben, und die Ziele, die sie verfolgen.
Der Essayist setzt in der Regel das Interesse der Leser (wenn er sich überhaupt um sie kümmert) für den von ihm gewählten Gegenstand voraus und auch ein bestimmtes Wissen. Er beruft sich bisweilen auf andere Schriftsteller und schmückt seine Arbeit gern mit Zitaten. Der Feuilletonist vergißt die Leser nie und will unbedingt ihr Interesse wecken. Aber anders als der Essayist versucht er, seine Bildung zu verbergen: Er fürchtet, mit vielen Namen, mit Zitaten und Anspielungen jene zu verschrecken, die er ebenfalls gewinnen möchte - die weniger informierten Leser.
Wer Feuilletons schreibt, wendet sich also an ein anderes, an ein ungleich größeres Publikum als der Essayist. Damit hängt zusammen, was oft als billige Anbiederung an den Konsumenten mißverstanden wird: Die Feuilletonisten wollen nicht dem Leser schmeicheln, halten es jedoch für erforderlich, stets auf ihn Rücksicht zu nehmen und ihm menschenfreundlich entgegenzukommen. Deshalb bemühen sie sich um einen möglichst klaren und auf Anhieb verständlichen Stil, um die denkbar größte Unmittelbarkeit des Ausdrucks und haben immer schon von der Umgangssprache ausgiebig profitiert. Kurt Tucholskys Feuilletons erinnern mitunter an Niederschriften von Tonbandaufnahmen - obwohl es damals noch keine Tonbandgeräte gab.
So hüten sich die Feuilletonisten etwa zu dozieren. Sie versuchen das, was sie mitzuteilen haben, in einem mehr oder weniger plaudernden Tonfall darzulegen: Feuilletons sind gedruckte Causerien. Und weil sie um den Adressaten werben, ihn zu ihrem heimlichen Partner befördern, ja zum Komplizen machen möchten, dominiert in ihnen, der legitimen Egozentrik der Autoren zum Trotz, keineswegs der Gestus des Monologs, sondern der des Dialogs.
Wer will, kann derartigen Causerien immer Oberflächlichkeit vorwerfen. Nur sollte man sich hüten, für Oberflächlichkeit zu halten, was in Wirklichkeit Durchsichtigkeit ist. Es stimmt schon, die Feuilletonisten gehen den Dingen nicht auf den Grund, zu langen Nachforschungen fehlt ihnen die Geduld. Sie untersuchen nicht die Phänomene, mit denen sie sich befassen, vielmehr begnügen sie sich damit, auf ihre Existenz zu verweisen, sie bewußt zu machen. Sie prüfen nicht die Welt, sie lassen sie auf sich wirken, sie setzen sich ihr aus. Sie agieren nicht, sie reagieren.
Im Unterschied zu vielen Essayisten schreiben sie nicht analytisch, sondern meist impressionistisch, auch assoziativ. Ihren Denkprozeß pflegen die meisten Feuilletonisten ihren Lesern zu ersparen. Sie bieten lediglich dessen Ergebnisse und begleiten diese Offerten bisweilen mit ironischem Understatement, mit bagatellisierender Gebärde. Der Feuilletonist ist eher ein Mann der Reflexion als der Entrüstung. Gewiß, auch er protestiert. Aber noch häufiger wundert er sich.
Statt das Leben anzuklagen, zeigt er es - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Statt zu verurteilen, zweifelt er: Den Mittelpunkt seines Wappens bildet ein Fragezeichen. Das gilt für alle großen Feuilletonisten, was immer sie im Hauptberuf gewesen sein mögen --für Heine, Börne und Fontane, für Kerr, Polgar und Joseph Roth, für Egon Erwin Kisch und Siegfried Kracauer, für Kurt Tucholsky und Friedrich Sieburg, für Hilde Spiel, Friedrich Torberg und Hans Weigel.
Entstanden in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts dank den Bedürfnissen der modernen Presse, ist das Feuilleton nicht eine Form zwischen der Literatur und der Journalistik, sondern eine, die beides vereint. Deshalb eignet sie sich - und dies nicht zuletzt - zu einer vermittelnden Rolle: Das Feuilleton kann zur Überwindung der in Deutschland seit eh und je auffallenden großen Kluft zwischen der Kunst und dem Leben beitragen. So ist das Feuilleton keineswegs der denaturierte, wohl aber der demokratisierte Essay.
Für die Feuilletonisten gilt das Bekenntnis des Dubslav von Stechlin: "Unanfechtbare Wahrheiten gibt es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig." Die konstanten Wahrheiten in Frage stellend oder ignorierend, haben die Feuilletonisten den Mut, ihre partiellen Erkenntnisse auf knappe Formeln zu bringen, also zu vergröbern und zu überspitzen.
Karl Kraus, selber ein vorzüglicher, gelegentlich sogar virtuoser Feuilletonist, bekämpfte das Feuilleton, zumal dessen Sprache, mit kaum zu überbietender Wut. Hermann Hesse ging in seinem Roman Das Glasperlenspiel so weit, das 20. Jahrhundert das "feuilletonistische Zeitalter" zu nennen. Ja, es stimmt: Ähnlich wie Bonmots und Aphorismen können Feuilletons immer nur einen Teil der Wahrheit andeuten. Sie drücken sie nicht aus, sondern umkreisen und umspielen sie, sie nähern sich der Wahrheit.

Danksagung
Für Ratschläge, Hinweise, Ermunterungen, Warnungen habe ich zu danken: Thomas Anz, Hans Christoph Buch, Eva Demski, Iring Fetscher, Volker Hage, Markus von Kaenel, Hellmuth Karasek, Wulf Segebrecht, Hans-Joachim Simm, Hubert Spiegel, Rüdiger Volhard, Peter Wapnewski, Ulrich Weinzierl und Wilfried Wiegand

Frankfurt am Main, den 1. Januar 2006