Mit Werther eröffnen wir den Kanonteil, der dem Roman gewidmet ist. Warum gerade mit diesem Buch aus der Feder eines Anfängers? Weil mit dem Werther passiert ist, was alle (und nicht zuletzt den jungen Autor selber) verblüfft hat, weil der Werther, kaum veröffentlicht, der erste deutsche Weltbestseller wurde? Weil der Werther, so viele Erfolge Goethe auch beschieden waren, sein größter und sensationellster Triumph geblieben ist? Das trifft schon alles zu. Aber da gibt es noch einen ganz anderen Grund.
Die Leiden des jungen Werthers, geschrieben vor beinahe 230 Jahren, ist der früheste deutsche Roman, der noch heute ohne Bearbeitung oder gar Übersetzung und ohne Erläuterungen gelesen und genossen werden kann, gelesen ganz einfach als, wir fürchten dieses Substantiv nicht, Unterhaltung, gehobene, versteht sich, und geniale. So eben sind die zwanzig Romane ausgewählt, die diesen Teil unseres Kanons bilden: Sie sollen, wie es eine beliebte, wohl auf Horaz zurückgehende deutsche Redensart empfiehlt, das Angenehme (dulce) mit dem Nützlichen (utile) verbinden.
Einen großen internationalen Romanerfolg erzielt die deutsche Literatur erst viel später, am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, mit der umfangreichen Darstellung des Verfalls einer Lübecker Familie. Wiederum ist es ein Anfänger und einer, der, als sein Roman erschien, kaum älter war als der Autor des Werther. Und dazwischen? Was gab es und was gibt es in unserem Kanon zwischen Goethes Werther und Thomas Manns Buddenbrooks? Fünf Romane.
Nur fünf? Ja, denn in der Zeit, die diese beiden Romane trennt, blühten in deutscher Sprache andere Gattungen der Literatur, vor allem die Geschichtsschreibung, bisweilen in fast romanhafter Form. Kleist, Grabbe und Büchner, Heine, Hebbel und Grillparzer dagegen schrieben keine Romane. Auch im Werk jener, die gegen Ende des Jahrhunderts bekannt und rasch berühmt wurden, im Werk Schnitzlers und Hofmannsthals, Hauptmanns und Wedekinds, spielte der Roman überhaupt keine Rolle oder bloß eine untergeordnete.
Fünf Romane also, die frei sind vom Duft und Staub des Museums, die man lesen kann, als seien sie neu, als seien sie noch nie Gegenstand gelehrter Abhandlungen gewesen. Von den Wahlverwandtschaften, dem reifsten und reichsten Roman Goethes, erstreckt sich unsere Auswahl über die Elixiere des Teufels des wunderbaren und in Deutschland oft unterschätzten Erzählers E.T.A. Hoffmann, dessen Werke - so Heine - »ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bänden« seien, über den Bildungsroman Der grüne Heinrich, in dem Gottfried Keller von einem erzählt, der auf dem Weg zu sich selbst ist, bis zu Theodor Fontane, von dem, ebenso wie von Goethe und Thomas Mann, in unserem Kanon zwei Romane berücksichtigt werden, Frau Jenny Treibel und Effi Briest, Romane, die erst viele Jahre nach Fontanes Tod wirklich populär wurden - und die gar nicht populär genug sein können.
Es sind sehr verschiedene Elemente, die den Erfolg eines Romans ausmachen, gar einen solchen, der, selten genug, längere Zeit anhält. Aber beinahe immer gehört dazu, heute ebenso wie vor hundert oder zweihundert Jahren, ein unaufdringliches, doch unmißverständliches Angebot besonderer Art. Für Goethe war das von Anfang an klar. »Der Autor ist mir der liebste« - heißt es im Werther -, »in dem ich meine Welt wiederfinde.« Thomas Mann bemerkte in einem Brief aus dem Jahre 1917, spöttisch überspitzend und nachdenklich zugleich: »Wir finden in Büchern immer nur uns selbst. Komisch, daß dann allemal die Freude groß ist und wir den Autor für ein Genie erklären.«
Junge Menschen, Schüler vor allem, lasen und lesen noch heute mit roten Backen Hermann Hesses Unterm Rad und Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß - auch wenn sie nie ein schwäbisches Klosterseminar oder ein österreichisches Militärinternat besucht haben. Aber sie identifizieren sich, häufiger unbewußt als bewußt, mit dem Protest der Jugendlichen gegen Engstirnigkeit und Herzlosigkeit, gegen die Welt der Erwachsenen, ob nun Väter oder Lehrer.
In den Mittelpunkt seines Romans Berlin Alexanderplatz stellte Alfred Döblin einen Lumpenproletarier, einen Dieb, Hehler und Zuhälter. Seine Leser waren und sind weder Diebe noch Verbrecher, gleichwohl konnten und können sie sich in dem unglücklichen Berliner Transportarbeiter wiedererkennen - in seiner Entschlossenheit, anständig zu sein, in seinem Bedürfnis, mehr vom Leben zu bekommen als ein Butterbrot, und schließlich in seinem Scheitern. Anders ausgedrückt: Sie erkennen ihre eigene Schwäche wieder, ihre Ohnmacht, ihre Leiden.
Ähnliches gilt für Josef K., den unheroischen Helden des Romans Der Proceß von Franz Kafka. »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« Die Geschichten vom Schicksal der Ausgestoßenen und Angeklagten, die in Prag spielen und in der Welt Kafkas, wurden Jahrzehnte nach seinem Tod als klassische Parabeln von der Heimatlosigkeit und der Entfremdung erkannt und als Extrembeispiele der menschlichen Existenz.
Ein Ausgestoßener ist auch Heinrich Manns Professor Raat, der Unrat genannt wird: Er ist ein bösartiger und sadistischer Lehrer, aber auch ein unglücklicher und einsamer Mann, mit dem niemand zu tun haben will. Professor Unrat, ein gegen die wilhelminische Gesellschaft gerichteter Roman, erweist sich zugleich als die Geschichte eines älteren Mannes, der in die Abhängigkeit von einer jungen Frau gerät - eine erotische und sexuelle Abhängigkeit. In dem Augenblick, in dem der bornierte Gymnasiallehrer zum Opfer der Liebe wird, hört er auf, lächerlich zu sein, er erweckt Mitleid.
Die Liebe wird im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts keineswegs vernachlässigt, sie ist das zentrale Thema im Werk Max Frischs, am zartesten und am traurigsten vielleicht in seinem persönlichsten Buch, Montauk. Eine flüchtige elegische Idylle wird zum Ausgangspunkt für Rückblicke und Reminiszenzen, für eine poetische Bilanz. Montauk ist ein Buch der Liebe, geschrieben von einem Dichter der Angst.
An der Angst, der schrecklichen Krankheit des zwanzigsten Jahrhunderts, leiden die Helden in Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras. Auf der Flucht vor sich selber, sind sie nicht imstande, ihre Einsamkeit zu durchbrechen. Sie bleiben sich fremd, sie leben nicht miteinander, sie existieren nur nebeneinander - in der Nachkriegswelt, in der nicht genannten, doch immer erkennbaren, von den Amerikanern besetzten Stadt München.
»Furcht, das ist, wenn eine bestimmte Vorstellung anfängt, alles andere zu überwuchern« - heißt es im Roman Das siebte Kreuz der Anna Seghers, der Geschichte eines Arbeiters, der 1937 aus einem Konzentrationslager flieht und auf seinem Leidensweg durch die Städte und Dörfer am Rhein und Main viele Menschen trifft. Die meisten überwinden ihre Angst und helfen dem Mann in Not. Ist es vielleicht ein Kriminalroman? Ja, aber mit umgekehrten Vorzeichen: Verbrecher in den Uniformen der SS und der SA verfolgen einen Unschuldigen. Im Innersten des Menschen gebe es etwas - glaubt Anna Seghers - »was unangreifbar war und unverletzbar«.
Zur Zeit des »Dritten Reichs« spielt auch der größte Teil der Blechtrommel von Günter Grass. Aber sein Held, der die Welt von unten sieht, protestiert nicht gegen eine Gesellschaftsordnung, nicht einmal gegen bestimmte Erscheinungen des Daseins, sondern gegen die Existenz schlechthin. Er bleibt klein, weil er die Welt ablehnt. Er beschuldigt den Menschen unserer Zeit, indem er sich zu seiner Karikatur macht.
Auch die Helden Thomas Bernhards verkörpern die permanente Rebellion - sie meutern gegen die Krankheit und den Tod. Es ist ihre Selbstverteidigung, eine aussichtslose natürlich, die sich in dieser Meuterei manifestiert. Darüber hinaus verfolgt Bernhards Roman Holzfällen - ähnlich wie nahezu alle seine Werke - keine Absicht. Die Rebellion ist sich selbst genug. Sie wird vorgetragen in einer Litanei und in einem Lamento, nur ist Bernhard der Erfinder der komischen Litanei, des heiteren Lamentos.
Auch der einst so beliebte große Panoramaroman, psychologisch und gesellschaftskritisch, lebt im zwanzigsten Jahrhundert weiter, doch vor allem als Abgesang auf die vergangene Epoche. »Das wahre Österreich sei die ganze Welt« - lesen wir bei Robert Musil. Österreich als pars pro toto - das gilt für Joseph Roths Radetzkymarsch ebenso wie für Heimito von Doderers Strudlhofstiege. Bei allen Unterschieden zwischen den beiden nahezu gleichaltrigen Romanciers darf man sagen, daß sie beide Virtuosen der Beobachtung und der Beschreibung sind, daß ihre Prosa immer noch verblüfft - dank ihrer Anschaulichkeit und dank der Genauigkeit der Darstellung. Und soviel diese beiden Autoren auch trennen mag, es verbindet sie das Herbstliche, das Elegische, die Abschiedsstimmung.
Ein Buch des Abschieds, ein Bildungsroman, eine epische Enzyklopädie, ein künstlerischer Nachruf auf eine ganze Epoche, ein Bild der Intellektuellen im zwanzigsten Jahrhundert, ein Buch über das Leben und also über den Tod - das alles ist Thomas Manns Zauberberg. Sollte man mich fragen, welche Romane in deutscher Sprache mich am tiefsten beeindruckt, begeistert und geprägt haben, ich glaube, in meiner Antwort würde, wie wenige Titel ich auch nennen dürfte, Der Zauberberg nie fehlen.
Marcel Reich-Ranicki
