Die Wahlverwandtschaften
Wenn man den Beobachtern der Literaturszene zu Beginn des 19. Jahrhunderts glauben darf, lagen die auf zwei Bände zu je achtzehn Kapiteln berechneten Wahlverwandtschaften am Ende ihres Erscheinungsjahres 1809 "in allen gebildeten Kreisen auf dem Teppich". Einer Augenzeugin zufolge waren die "Buchhändler nie so bestürmt worden - es war", berichtete sie Goethe nach Weimar, "wie vor einem Bäckerhause, in einer Hungersnot." "Seit Werthers Leiden", so wurde gemutmaßt, "ist wohl von keinem Roman soviel in Gesellschaften gesprochen worden, als von den Wahlverwandtschaften", die mit ihrer Anverwandlung des Partnertausch-Motivs Aufsehen erregten. Vielfach war der Ruf, hier werde Skandalöses auf skandalöse Weise traktiert, dem Werk vorausgeeilt.So gehören die aus einem Novellenplan zu den Wanderjahren hervorgegangenen Wahlverwandtschaften zu Goethes literarischen "Erfolgstexten". Mit ihrer Verknüpfung von Eheproblematik und Gesellschaftskritik stehen die Wahlverwandtschaften am Anfang der Reihe großer Eheromane des 19. Jahrhunderts, wie Madame Bovary, Anna Karenina oder Effi Briest. Zugleich hochkarätiges Zeugnis für Goethes Erzählkunst und von erstaunlicher Modernität, sind Wirkung und Rezeption des Romans, von Theodor Fontane über Hugo von Hofmannsthal, Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin und Walter Benjamin, bis heute ungebrochen.
