Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Robert Musils erster, 1906 von dem berühmten Kritiker Alfred Kerr enthusiastisch begrüßter Roman ist die literarische Frucht seiner Erlebnisse in den Kadettenanstalten von Eisenstadt und Mährisch-Weißkirchen, in die seine Eltern ihn mit knapp zwölf Jahren schickten. Auf die unwirkliche Fremde des Instituts reagiert der Zögling Törleß zunächst mit Heimweh, das mit beginnender Pubertät verebbt. Er schließt sich den Schülern Beineberg und Reiting an, die "bisweilen bis zur Roheit wild und ungebärdig" sind. Ein Eigentumsdelikt des Schülers Basini wollen Beineberg und Reiting geheimhalten, um ihn überwachen und bestrafen zu können. Sie foltern ihn. Der Sadismus des Törleß äußert sich im Gegensatz dazu sublimer; er quält Basini nicht durch körperliche, sondern durch psychische Mißhandlung. Basini verführt Törleß. Der reagiert mit Scham, Verachtung und einer "neuen Leidenschaft".Musil beschreibt in der Figur des Törleß die Pathographie einer Identitätsstörung mit geradezu klinischer Präzision. Nicht minder präzise sind die gruppendynamischen Mechanismen im Kräftefeld eines Kadettenjahrgangs erfaßt, die Bündnisse und Machtkämpfe zwischen den Klassendiktatoren, die Rolle des Mitläufers, des intellektuellen Handlangers. Nicht umsonst fühlte sich der Autor während des Zweiten Weltkriegs durch Hitler, Stalin und Mussolini an seine Helden Reiting und Beineberg erinnert.
